Kein Bericht über ein anderes Land ist komplett, ohne auf die Probleme hinzuweisen, die sich in der jeweiligen
Gesellschaft ergeben. Und Irland, das reichste Land in der EU, hat Probleme...Sehr viele sogar!!!
Es gibt bereits Gerüchte, ich würde demnächst alternative irische Besichtigungstouren in die Slums oder zu sonstigen "Crime-Hot-Spots" Irlands anbieten. Das entspricht garantiert nicht der Wahrheit, ich möchte jedoch auch das andere Irland vorstellen. Abseits von Postkarten und Filmen, die Touristen gezeigt werden und lediglich die schöne und wirklich sehenswerte Seite zeigen. Und auch wenn das andere Irland nicht in Filmen oder auf Postkarten gezeigt wird: Man muß darum wissen, wenn man Irland wirklich kennenlernen will. Und wenn man sich nicht wie eine Horde japanischer Touristen benimmt, und das Schild mit der Aufschrift " Ich bin ein Tourist. Bitte überfallt und beraubt mich nicht" um den Hals trägt, kann man auch die meisten dieser Plätze besuchen. Ich selber habe in der Meath Street (hier beschrieben) einige Jungens mit Pistolen gesehen, die so groß waren, das sie in der Armee als leichte Feldgeschütze bezeichnet werden. Für diese Leute sind die Waffen so normal, wie für uns der Liter Milch im Supermarkt nebenan.Wenn man zu tut, als sei es nicht anderes als eben diese Supermarktauslage, übersteht man auch solche Situationen....
Um über ein Problem in Irland sprechen zu können, schauen wir uns zunächst einmal einen Ausschnitt aus einem Film an. Der Film heißt “Into the West” und ist in Deutschland als “Das weiße Zauberpferd” auf den Markt gekommen.
Die Bevölkerungsgruppe, die in diesem Film angesprochen wird, nennen wir in Deutschland “Zigeuner”. In Irland werden sie politisch korrekt als “Traveller” bezeichnet, Sie selber nennen sich “Pavee” und auf die Schimpfworte kommen wir nun zu sprechen.
Die sehr gebräuchliche Fremdbezeichnung Tinker entstand aus dem Kontext des englischen Ausdrucks tin für Blech. Die Bezeichnung ähnelt dem deutschen Kesselflicker, eine Anspielung auf das reisende Gewerbe und der Reparatur und Herstellung von Kochgeschirr. Tinker about ist im Englischen bedeutungsgleich mit herumbasteln und to tinker with something mit an etwas herumpfuschen. Weitere Bezeichnungen, meist abwertender Art, sind pikey, knacker und auch gypsies ("Zigeuner"), obwohl sie mit Roma-Gruppen ethnisch nicht verwandt sind. Die Ausdrücke gyppo und pikey (Schwein) sind besonders in Großbritannien weit verbreitet und eindeutig als Schimpfwörter gemeint.
Die Iren verwenden auch den Begriff itinerants (englisch: Umherziehende oder Wandernde)für die Traveller der Grünen Insel. Viele der Betroffenen legen heute jedoch Wert darauf, mit ihrer keltischen Eigenbezeichnung pavee (irisch: Händler), oder der weit verbreiteten und eher neutralen Fremdbezeichnung travellers (englisch: Reisende) benannt zu werden.
Der nomadische Lebensstil und ihr Wunsch in Familien-Verbänden zu leben provoziert oft Konflikte zwischen den Pavee und dem Rest der Gesellschaft. Bewilligungen zum Erstellen von Wohnbaracken und Wohnwagen werden oftmals nicht eingeholt, da Travellers schon im Vorfeld davon ausgehen, dass diese nicht erteilt werden. Die Pavee berufen dann sich für die Legitimität ihrer Lager und Siedlungen auf Menschen-, Minderheiten-, Gewohnheits- und Grundrechte. So werden neuerdings verstärkt Traveller durch Zonenplanung und Bewilligungsverfahren an den Rand der Gesellschaft gedrängt, mit den entsprechenden negativen sozialen Folgen (Elendsquartiere etc.). Einer aktuellen Umfrage zufolge lehnen 90 % der Bevölkerung ansässige Traveller in ihrer Nachbarschaft ab. Die Medien tun ihr Übriges, um das negative Bild der Traveller zu verankern, und die Boulevardpresse diskriminiert sie in der Öffentlichkeit, siehe: The Sun.
Obwohl Traveller auch ein Synonym für Gauner ist, haben die Pavee keine signifikant höhere Kriminalitätsrate (bis auf Ladendiebstahl, ausgeführt von Kindern, die einfach mittellos am Rande der Gesellschaft stehen). Anders sieht es dagegen bei Übertretungen und Vergehen gegenüber Behörden und landschaftlichen Hoheitsrechten aus.
Das ist mir von der Polizei hier in Irland sogar bestätigt worden, als mein Auto von einem Mitglied der beschriebenen Bevölkerungsgruppe gestohlen worden ist. Das Auto wurde mir jedoch nahezu unbeschädigt von der Polizei zurückgegeben. Wenn der Wagen von einem jugendlichen, irischen, "Joyrider" gestohlen worden wäre, hätte man ihn irgendwo ausgebrannt am Straßenrand oder auf einem Feld wiedergefunden.
Aber: Die Lager sehen oft grausam aus ( Müllentsorgung gibt es nicht), die Kinder gehen nur in den seltensten Fällen zur Schule sowie gewisse Rituale und Verhalten sorgen für eine negative Stimmung. Oft wird während der Hauptverkehrszeit der Straßenverkehr blockiert, um sich darüber zu beschweren, dass z.B, mal wieder die Zufahrt zu einer Wiese, auf der sonst das Camp aufgeschlagen wurde, mittels Betonklötze nun gesperrt ist. Auch sorgt das Begräbnissritual hin und wieder für Aufsehen: Ein erwachsener Pavee wird selbst heute noch in dem Wohnwagen, in dem er gelebt hat, verbrannt. Ich selber habe in Dublin (Blanchardstown, direkt neben IBM und EBay) mehrfach ein solches Ritual von weitem beobachten können...
Wer sich näher mit diesem Thema beschäftigen möchte, möge sich zunächst einmal folgenden beiden Filme
besorgen bzw. anschauen:"Into the West" und "Pavee Lackeen, the Traveller Girl"
Näheres zu dem Film: siehe oben!!
Für mehr Info und Trailer, bitte aufs Bild klicken ( ist aber auf Englisch)